Ein Blick auf neun Jahre Ehrenamt, jede Menge Arbeit, Bürokratie und die Menschen hinter dem Stadtteilfest.
Fast ein Jahrzehnt lang haben eine Handvoll Nachbarn und Freunde in ihrer Freizeit eines der beliebtesten Feste des Stadtteils gestemmt. Jetzt hören sie auf.
Zeit, Danke zu sagen und einmal genau hinzuschauen, wer da eigentlich seit Jahren die Fäden zieht.
Jedes Jahr Anfang September strömen Tausende in unser „Dorf“: Karussells drehen sich, Vereine präsentieren sich auf der Meile, abends steht eine Bühne im Mittelpunkt.
Aber kaum jemand fragt sich dabei, wer das eigentlich organisiert. Viele gehen wie selbstverständlich davon aus, dass der Walddörfer Sportverein (WSV) dahintersteckt. Das stimmt nicht und hat es auch nie.
Verantwortlich ist ein kleiner, eingetragener Verein aus Ehrenamtlichen, der von den meisten Besuchern noch nie beim Namen genannt wurde.
Eine von ihnen ist Andrea Eickmeier, die in Volksdorf seit 20 Jahren ihren Laden „Little’s Kindersache” führt. Seit neun Jahren organisiert sie mit einer kleinen Gruppe das Stadtteilfest, Jahr für Jahr, ohne Bezahlung.
Jetzt geben sie und ihre Mitstreiter das Amt ab.
Ein guter Anlass, um zu erzählen, was hinter den Kulissen so passiert.
Der Sprung ins kalte Wasser
Begonnen hat alles 2017 ganz unkonventionell. Der SPD-Politiker und Volksdorfer Andreas Dressel fragte Andrea Eickmeier und ihre damalige Geschäftspartnerin, ob sie das Fest übernehmen wollten. Der bisherige Ausrichter, Herr Heinz vom mittlerweile eingestellten „Heimatecho”, wollte altersbedingt aufhören.
„Wir sind voll ins kalte Wasser gesprungen und haben das übernommen, ohne irgendwas zu wissen“,
erinnert sich Eickmeier. Ein einziges Übergabegespräch mit Herrn Heinz, ein paar Unterlagen zu Anmeldungen bei GEMA und Stadtreinigung, mehr Starthilfe gab es nicht. Den Rest mussten sie sich selbst erarbeiten: Es dauerte rund ein halbes Jahr, bis alles für die erste eigene Ausgabe stand.
Von Anfang an holten sie sich Verstärkung aus der Nachbarschaft. Was als Gruppe von fünf, sechs Freunden begann, ist heute ein Team von zehn Ehrenamtlichen, die sich die Aufgaben aufteilen: eine Person kümmert sich um die Genehmigungen bei der Behörde – inklusive jährlich neu vorzulegendem polizeilichem Führungszeugnis -, eine andere schreibt die Rechnungen, wieder andere kümmern sich um die Standplätze, die Vereinsmeile, die Mülltrennung oder die Plakate.
Beim Aufbau am Donnerstagabend sind es meist nur drei Leute, die kontrollieren, ob alle Stände richtig stehen.
Mit den Schaustellern haben sie es dabei vergleichsweise leicht: Viele sind seit Jahrzehnten dabei, planen das Volksdorfer Wochenende fest in ihren Jahreskalender ein und bewerben sich von selbst, ganz ohne E-Mail, meist per Telefonanruf.
Der Irrtum mit dem WSV
Dass von einigen der Walddörfer Sportverein als Veranstalter für das Fest gehalten wird, überrascht Eickmeyer tatsächlich.
„Was ein bisschen gemein ist: Alle denken, der WSV ist der Veranstalter. Das finde ich so schade“.
Zwar betreibt der Sportverein während des Fests zwei eigene Getränkestände und die Bühne und zahlt dafür, wie jeder andere Anbieter auch, eine Standgebühr. An der Organisation selbst ist der WSV jedoch nicht beteiligt.
Dass es überhaupt einen eigenen Verein für das Stadtteilfest gibt, hat einen pragmatischen Grund: Die Behörde riet den Organisatoren dazu, weil ein eingetragener Verein für die Anmietung der öffentlichen Flächen – etwa der Claus-Ferck-Str. und der Straße Im Alten Dorfe – geringere Gebühren zahlt als ein gewerblicher Veranstalter. Vereinsmitglieder sind im Wesentlichen diejenigen, die auch alles mitorganisieren.
Kosten decken, nicht Kasse machen
Wer glaubt, mit einem Fest dieser Größe ließe sich etwas verdienen, irrt sich gründlich. Allein die Stadtreinigung kostet die Organisatoren über 8.000 Euro für das Wochenende von Freitag bis Sonntagabend, die GEMA-Gebühren liegen bei knapp 3.000 Euro, dazu kommt eine Jahresversicherung von über tausend Euro, die sich nicht nur für drei Tage abschließen lässt. Finanziert wird das Fest über Standgebühren und eine beantragte Kulturförderung der Stadt, deren Abrechnung allerdings aufwendig ist: Jede Ausgabe muss im Nachhinein einzeln nachgewiesen werden, und nicht jede Kostenposition wird von der Behörde in voller Höhe anerkannt. Persönlich verdient hat daran niemand etwas. Im Gegenteil: Anfangs finanzierte das Team sogar einen eigenen Getränkestand mit, um im Zweifel entstehende Lücken selbst auffangen zu können.
Dass es Menschen gibt, die diesen bürokratischen und finanziellen Kraftakt Jahr für Jahr ehrenamtlich stemmen, ohne etwas dafür zu bekommen außer der Freude, anderen eine Freude zu machen, ist der eigentliche Kern dieser Geschichte.
Wetterglück, Improvisation und ein Abschied vom Feuerwerk
Fragt man Andrea Eickmeier nach Highlights, fällt ihr zuerst das Wetter ein: In all den Jahren hat es beim Stadtteilfest nie richtig durchgeregnet! Ein Umstand, den sie augenzwinkernd all jenen empfiehlt, die im ersten Septemberwochenende heiraten wollen. Reibungslos lief dabei aber längst nicht alles. In einem Jahr sagte der Sanitätsdienst eine Woche vor dem Fest ab, weil er kein Personal zusammenbekam. Ohne Ersatz hätte das gesamte Fest ausfallen müssen. In einem anderen Jahr standen falsche Halteverbotsschilder, sodass keine Falschparker abgeschleppt werden konnten; ein weiteres Mal wurden die Schilder viel zu spät aufgestellt.
„Die ersten Jahre waren so anstrengend, dass wir vorher jedes Mal gesagt haben: Das machen wir nicht noch mal”, erzählt Eickmeier. „Und sonntagabends haben wir dann doch wieder gesagt: So schlimm war es gar nicht.”
Verändert hat sich das Fest auch inhaltlich. Das traditionelle Feuerwerk gibt es seit einigen Jahren nicht mehr: Es fehlte eine geeignete Fläche in Volksdorf, auf der Tiere nicht durch Feuerwerksreste gefährdet würden, hinzu kamen Nachhaltigkeitsbedenken. An seine Stelle ist eine Lichtshow getreten. Auch einen Spielmannszug gibt es nicht mehr – die Organisatoren haben monatelang gesucht, aber bundesweit sterben solche Formationen aus. Eine zweite Bühne, wie es sie früher einmal gab, konnten sich die Organisatoren schlicht nicht leisten, weder finanziell noch personell. Bewusst haben sie das Fest zudem in einem überschaubaren Rahmen gehalten: Als Verantwortliche haften sie für das gesamte Geschehen, und ein zu großes Fest wollten sie sich nicht zumuten.
Dafür ist in den vergangenen Jahren einiges Neues dazugekommen: Ein neues Teammitglied zieht seit zwei Jahren gezielt über Wochenmärkte, um zusätzliche Foodtrucks für das Fest zu gewinnen, mit viel Erfolg. (Kleine Randnotiz: Der beliebte Netto-Foodtruck wird dieses Jahr leider nicht mehr dabei sein.)
Rückhalt aus dem Dorf
Ohne Hilfe von außen wäre das alles kaum zu stemmen, betont Andrea Eickmeier. Die Freiwillige Feuerwehr unterstützt das Team praktisch bei jedem Schritt, von aufgehängten Bannern bis zu Absperrfahrzeugen an den Zufahrten. Leistungen, die eigentlich gar nicht vorgeschrieben wären, aber freiwillig erbracht werden. Auch aus der Kommunalpolitik kommt Rückenwind, und das ausdrücklich parteiübergreifend: Andreas Dressel (SPD) engagiert sich wo er kann und Niclas Heins (CDU) hat die Organisatoren erst auf die Möglichkeit einer Kulturförderung hingewiesen.
„Es gibt Hilfen, aber keiner sagt einem das”,
so Eickmeier, ein Satz, der zeigt, wie viel Learning-by-Doing in diesem Ehrenamt steckt.
Zeit für einen Wechsel
Nach neun Jahren ist für das aktuelle Team nun Schluss.
„Für uns ist es wirklich nicht so, dass die Luft komplett raus ist, aber wir möchten gerne, dass es mal jemand anderes macht”,
sagt Eickmeier. Der Wunsch dahinter ist einfach: einmal selbst als Gast auf dem eigenen Fest sein können, statt immer nur Veranstalter zu sein. Ganz verschwinden werden die bisherigen Organisatoren dabei natürlich nicht, sie wollen für Nachfolgerinnen und Nachfolger ansprechbar bleiben und den Übergang begleiten.
„Es ist kein Hexenwerk”, sagt Eickmeier. „Das kann jeder.”
Wer also schon einmal überlegt hat, sich einzubringen, bekommt hier die Steilvorlage: Das Stadtteilfest lebt von Menschen, die anpacken, ohne dafür etwas zu verlangen und genau solche Menschen sucht es jetzt wieder.
Ein Dankeschön, das lange überfällig war
Neun Jahre lang haben Andrea Eickmeier und ihr Team, bestehend aus Kathrin Mosa, Tefi Hsu, Birgit Wittek, Torsten Schuhardt, Dr. Jens Eickmeier, Marcus Hoffmann, Niclas Heins und Hedda Siebrecht, ein Fest möglich gemacht, das viele für selbstverständlich, oder für das Werk eines großen Vereins gehalten haben. Es war die Arbeit von wenigen, die dafür nichts wollten außer einem gelungenen Wochenende für ihren Stadtteil.
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